Neulich, in einem Seminarraum mit jungen Menschen, die Führungskräfte werden wollen. Viel Energie, viele Fragen, viel guter Wille. Und dann dieses leise Zögern, das sich durch mehrere Gespräche zog. Dieses Innehalten, kurz bevor jemand eine klare Position formuliert hätte.
„Das kann ich doch so nicht sagen." „Ich will niemanden vor den Kopf stoßen." „Darf ich das überhaupt?"
Was da oft mitschwingt, ist die Angst, streng zu wirken. Unnachgiebig. Hart. Unsympathisch vielleicht. Und so wird Klarheit vermieden – aus Höflichkeit, aus Unsicherheit, aus fehlender Übung, manchmal auch schlicht, weil niemand es je vorgemacht hat.
Dabei lohnt es sich, diese beiden Begriffe einmal auseinanderzuziehen.
Strenge ist etwas anderes als Klarheit.
Strenge arbeitet mit Druck. Mit Macht. Mit dem unausgesprochenen „Ich sitze am längeren Hebel". Sie erzeugt Anpassung, ja – aber oft auch Rückzug, Widerstand oder stille Verweigerung. Menschen halten sich dann an Regeln, solange jemand hinschaut. Nicht länger.
Klarheit dagegen ist ruhig. Sie kommt ohne Lautstärke aus. Sie benennt, was ist, was erwartet wird und wo Grenzen verlaufen. Nicht als Drohung, sondern als Orientierung.
Und genau das ist eine der zentralen Aufgaben von Führung.
Mitarbeitende haben ein Anrecht darauf zu wissen, woran sie sind. Was von ihnen erwartet wird. Was geht – und was nicht mehr. Wo Entscheidungsspielräume liegen und wo nicht. Unklarheit kostet Energie. Jeden Tag. Sie führt zu Missverständnissen, zu unnötigen Schleifen, zu Frust auf allen Seiten.
Wenn Führungskräfte sich nicht klar positionieren, passiert etwas Merkwürdiges: Die Lücke wird gefüllt. Mit Annahmen, mit Gerüchten, mit individuellen Interpretationen. Jeder bastelt sich seine eigene Version der Wirklichkeit. Und am Ende wundert man sich, warum alle in unterschiedliche Richtungen laufen.
Viele der jungen Führungskräfte, mit denen ich arbeite, glauben, Klarheit und Freundlichkeit stünden in einem Gegensatz. Als müsste man sich entscheiden: entweder menschlich oder klar. Entweder nett oder führend.
Das stimmt nicht.
Klarheit kann freundlich sein. Und Höflichkeit verliert nichts, wenn sie deutlich wird. Im Gegenteil: Eine klar formulierte Erwartung, respektvoll ausgesprochen, ist oft das Wertschätzendste, was man tun kann. Sie nimmt den anderen ernst. Sie traut ihm zu, damit umzugehen.
Unklare Führung hingegen wirkt zwar auf den ersten Blick angenehm – niemand wird konfrontiert, niemand fühlt sich kritisiert –, ist aber langfristig unfair. Denn sie überlässt Mitarbeitende ihrem Rätselraten. Und sie verschiebt Verantwortung dorthin, wo sie nicht hingehört.
Führung heißt nicht, ständig Gespräche zu führen oder alles zu erklären. Führung heißt auch, Position zu beziehen. Sichtbar zu sein. Haltung zu zeigen. Nicht ständig – aber dann, wenn es nötig ist.
Und ja, das kann man lernen. Nicht durch Strenge, sondern durch Übung. Durch gute Gespräche. Durch das bewusste Aushalten der eigenen Unsicherheit in dem Moment, in dem man klar wird.
Klarheit ist kein Persönlichkeitsmerkmal. Sie ist eine Entscheidung.
Und wer führt, trifft diese Entscheidung nicht nur für sich selbst, sondern für alle, die Orientierung suchen.
