Letzte Woche habe ich bei einem Kunden eine Prüfung begleitet. Führungskräfte, die über Wochen ein intensives Programm durchlaufen hatten – mit Fachinhalten, schriftlichen Prüfungen und am Ende einer mündlichen Prüfung. Einem Moment, in dem plötzlich alles sichtbar werden soll.
Und wie so oft in solchen Situationen war nicht das Fachwissen das eigentlich Spannende.
Wenn der eigene Anspruch zur Bremse wird
Manche Teilnehmenden waren innerlich so angespannt, dass man es ihnen sofort angesehen hat. Sie wollten es besonders gut machen, bloß nichts falsch sagen, keinen Fehler riskieren. Und genau dieser Druck hat dazu geführt, dass sie auf einmal kaum noch Zugriff auf das hatten, was eigentlich längst da war.
Das zu beobachten, tut mir jedes Mal wieder leid. Weil man merkt: Die Fähigkeiten sind vorhanden. Die Erfahrung. Das Wissen. Gedanken, die im Unterricht oder in Gesprächen völlig selbstverständlich zugänglich waren. Und plötzlich sitzt da ein Mensch, der sich selbst beim Denken zusieht – und dabei immer unsicherer wird.
Vielleicht kennst Du genau diesen Moment selbst.
Gleichzeitig gab es andere, die deutlich ruhiger wirkten. Nicht unbedingt lockerer oder souveräner im klassischen Sinn – aber weniger beschäftigt mit sich selbst. Sie konnten sich auf die Situation einlassen, reagieren, sprechen, auch mal kurz überlegen, ohne dass sofort innerer Alarm entstand. Manche von ihnen waren in der Prüfung sogar stärker als vorher im Unterricht.
Das finde ich jedes Mal bemerkenswert. Denn Leistung entsteht nicht nur daraus, was jemand kann – sondern auch daraus, in welchem Zustand jemand auf dieses Können zugreifen kann.
Gerade Führungskräfte sind besonders betroffen
Viele haben gelernt, Verantwortung zu tragen, sich gründlich vorzubereiten und hohe Ansprüche an sich selbst zu stellen. Genau das ist oft ein Grund dafür, warum sie in ihre Rolle gekommen sind. Schwierig wird es dort, wo der innere Druck beginnt, das eigene Verhalten und die eigene Präsenz zu überlagern.
Dann geht es nicht mehr nur um die eigentliche Situation. Nicht mehr nur um das Gespräch, die Aufgabe oder die Entscheidung. Der Blick richtet sich permanent auf die eigene Wirkung: Wie werde ich gerade wahrgenommen? Reicht das? Überzeuge ich? Habe ich einen Fehler gemacht?
Und währenddessen wird der Zugang zu dem, was eigentlich da ist, immer kleiner.
Vielleicht kennst Du das auch: Du weißt eigentlich, was Du sagen möchtest – und plötzlich kannst Du keinen klaren Gedanken mehr greifen. Du wirst in Gesprächen innerlich unruhig, obwohl Du fachlich längst sicher bist. Oder Du fragst Dich hinterher, warum Du nicht einfach Zugriff auf das hattest, was sonst selbstverständlich da ist.
Nervosität ist nicht das Problem
Interessant dabei: Menschen sind oft gar nicht grundsätzlich nervös. Ich kenne das selbst sehr gut. In mündlichen Prüfungen war ich früher nie besonders stark. Gleichzeitig stehe ich heute regelmäßig vor Gruppen, leite Trainings, begleite Prozesse und spreche über Stunden mit Menschen. Von außen betrachtet könnte man sagen, auch das ist eine Art Prüfung.
So fühlt es sich für mich aber nicht an.
Natürlich gibt es Nervosität – gerade bei neuen Gruppen oder unbekannten Konstellationen. Aber sie übernimmt nicht die ganze Situation. Der Fokus liegt nicht die ganze Zeit auf mir selbst, sondern auf der Arbeit mit den Menschen im Raum, auf dem Austausch, auf dem, was gerade entsteht. Und genau dadurch verändert sich etwas.
Warum das Thema oft unterschätzt wird
In meinem letzten Blogartikel ging es um Persönlichkeitsentwicklung in der Führung – und darum, wie wichtig es ist, die eigenen Muster überhaupt wahrzunehmen. Innerer Druck ist oft eine weitere Facette davon.
Viele Führungskräfte versuchen lange, noch besser zu werden – noch klarer, noch souveräner. Sie arbeiten an Methoden, an Kommunikation, an Auftreten. All das kann hilfreich sein. Gleichzeitig bleibt der eigentliche Druck oft bestehen, solange niemand wirklich hinschaut, wodurch er überhaupt entsteht.
Das zeigt sich nicht nur in Prüfungen. Sondern auch in Meetings, in Konflikten, in Präsentationen oder in Gesprächen mit Mitarbeitenden. Immer dort, wo viel auf dem Spiel zu stehen scheint, kann der innere Anspruch beginnen, gegen die eigene Präsenz zu arbeiten.
Nicht, damit plötzlich jede Situation leicht wird oder Nervosität verschwindet. Sondern damit Du Dich in solchen Momenten nicht mehr komplett gegen Dich selbst stellen musst.
Denn häufig fehlt nicht das Können. Sondern der Zugang dazu.
Wenn Du merkst, dass Du in bestimmten Situationen immer wieder unter Deinen eigenen Möglichkeiten bleibst – dann lohnt sich genau dieser Blick. Melde Dich gerne, wenn Du darüber sprechen möchtest.
